gestalten: Bürgerenergierat

 

Bürgerenergierat für Dortmund – die Wende lokal gestalten

Wer bestimmt eigentlich über unsere Energie zum Leben? Gesetze zur Förderung einer verträglichen Verbreitung von Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer Energien werden verabschiedet und beeinflussen das tägliche Leben der BürgerInnen in urbanen wie in ländlichen Gegenden. Zusätzlich wird die Infrastruktur in vielen öffentlichen wie privaten Bereichen auf die Nutzung von nachhaltigen Energien umgestellt und fordert Richtungsgebungen von Bund, Ländern und Kommunen, die das Leben in den nächsten Jahrzehnten bestimmen werden. Für viele BürgerInnen ist es nicht möglich hier die Tragweite und Begründung der Veränderungen nachzuvollziehen, unter anderem auch aus dem Grund, dass diese oft in der Selbst- und in der Fremdwahrnehmung einzig als Konsumenten gesehen werden. Bei vielen stellt sich daher die Frage: Wer entscheidet eigentlich über die Energie in der Stadt? Und wie können wir konkret als BürgerInnen bei dem Thema mitbestimmen bzw. welche Formen der Partizipation gibt es?

Um das e:lab in einen stadtweiten Energiediskurs einzubetten, diskutieren wir Formate wie einen „Bürgerenergierat“. 

Vorbild “Ernährungsräte”

Die Idee für einen “Bürgerenergierat” geht zurück auf die sogenannten Ernährungsräte, die seit den achtziger Jahren in etlichen Großstädten der westlichen Welt gegründet werden. Zielsetzung dieser institutionellen Innovation ist es, durch einen verstärkten Nahrungsmittelanbau in der Stadt resilienzhemmende Entwicklungen und Delokalisierungstendenzen zu minimieren. Ernährungsräte dienen als Impulsgeber und Plattform für die verbliebenen lokalen Akteure des städtischen Ernährungssystems mit dem Ziel, das Ernährungssystem zu verbessern sowie umwelt- und sozialverträglicher zu
gestalten. Eine Verankerung von Ernährungsräten in Städten generiert wertvolle Impulse für eine verstärkte Relokalisierung des urbanen Ernährungssystems und steigert auf diesem Wege langfristig die urbane Resilienz im Bereich der Nahrungsmittelversorgung.

Das Konzept der Ernährungsräte oder Food Policy Councils geht auf das Jahr 1982 in Knoxville/USA zurück. Seither wurden weitere Räte in etlichen nordamerikanischen und europäischen Städten gegründet. Die Ernährungsräte unterscheiden sich dabei hinsichtlich der Trägerschaft. So ist der Ernährungsrat von Toronto bei dem Gesundheitsausschuss der Stadt angesiedelt. Im englischen Brighton and Hove mündete eine Kooperation zwischen Gesundheitsbörde, Nachhaltigkeitsausschuss und einer NPO mit Fokus Ernährung in der Gründung der so genannten „The Brighton & Hove Food Partnership“, einer Ernährungspartnerschaft zur Förderung eines lokalen Ernährungssystems.

In Deutschland gibt es derzeit rund zehn Ernährungsräte und etliche mehr in Gründung. Der “Ernährungsrat Köln & Umgebung” wurde beispielsweise vom Verein “Taste of Heimat” initiiert und im März 2016 in enger Partnerschaft mit der Stadt Köln gegründet. Der Berliner Ernährungsrat ist eine rein zivilgesellschaftliche Organisation, die u.a. von Slow Food und Inkota angestoßen wurde und im April 2016 in der Gründung des Rates mündete. Parallel existiert das von der Berliner Senatsverwaltung ins Leben gerufene “Forum Gutes Essen Berlin”, aus dem im Oktober 2016 die Deklaration für Gutes Essen hervorging.

Nähere Informationen zur Bewegung der Ernährungsräte können auf http://ernaehrungsraete.de nachgelesen werden.

Gute Gründe für einen Bürgerenergierat

Analog zum Konzept der Ernährungsräte sprechen vier zentrale Gründe für die Etablierung eines Bürgerenergierats in Dortmund:

  • die Energieversorgung in den Städten muss sich ändern und klimaschonender, zukunftssicher und sozial verträglich werden
  • lokales Handeln ist möglich, trägt zu einer lebenswerteren Stadt bei und kann ein Baustein zur Unterstützung der Energiewende sein
  • wir brauchen eine lokale und koordinierte Energiepolitik, um gemeinsam mit den Bürgern, der Wirtschaft und der Kommunalpolitik Zielsetzungen zu diskutieren sowie Maßnahmen zu initiieren und umzusetzen
  • das Wissen aller wird benötigt und kann durch ein Gremium wie den Bürgerenergierat gebündelt werden

Gemeinsam mit der e:lab-Community wollen wir die Idee eines Bürgerenergierates für Dortmund weiter diskutieren und entwickeln.

Literaturnachweis:

Philipp Stierand, Speiseräume: Die Ernährungswende beginnt in der Stadt (2014) und http://speiseraeume.de/

Wie geht’s weiter?

Im ersten Halbjahr hat das e:lab-Team vertiefende Interviews mit Experten aus Wirtschaft, Stadt und Bürgerenergiebewegung geführt, um weitere Impulse von außen zu sammeln. Die Gespräche gaben Aufschluss über die Wünsche der einzelnen Akteure und deren Einschätzung zur Idee eines Bürgerenergierates. Gesprächspartner waren beispielsweise Rolf Weber von der Bürgerenergiegenossenschaft BEG58 in Wetter/Ruhr, Gerald Kampert vom Stadtplanungs- und Bauordnungsamt Dortmund oder Kurt Pommerenke von der Wirtschaftsförderung Dortmund.

Die Mehrheit empfiehlt, die Idee einer Vernetzungsplattform weiterzudenken und möglichst konkrete Teilhabemöglichkeiten mit klar formuliertem Nutzen für BürgerInnen zu schaffen. Nur so könne gewährleistet werden, dass sich Bürger mit dem eher sperrigen Thema Energie befassen. Also: Wie wäre es mit der Gründung einer Bürgerenergiegenossenschaft? Oder Mieterstromprojekten im Kiez, um Mietparteien ohne Umwege kostengünstig und umweltfreundlich mit Strom aus erneuerbaren Energien zu versorgen. Derartige Projekte vor der Haustür hätten das Potential, die emotionale Bindung zum Thema Energiewende zu stärken.